#meinewerkstattbleibt

Leute, wir müssen reden. Und zwar über den Mutterschutz. Sechs Wochen vor der Geburt und mindestens acht Wochen danach sollen Frauen in Deutschland von der Arbeit freigestellt werden – weil erstens einer Hochschwangeren am Arbeitsplatz eine ganze Menge passieren kann und frau zweitens kein Gummiband ist, das nach der Entbindung einfach wieder in die Ursprungsform schnappt und weitermachen kann. Klare Sache: Mutterschutz ist wichtig.
Aber für Selbstständige kommt er oft dem finanziellen Genickbruch gleich. Selbst dann, wenn frau viele Jahre brav für genau diesen Fall in eine Versicherung eingezahlt hat. Ich habe mich vor elf Jahren selbstständig gemacht und mich vom ersten Moment an umfassend versichert: Krankengeld, Mutterschaft – ich wollte auf alles vorbereitet sein. Fun Fact: Zu keinem Zeitpunkt hat mir irgendjemand mitgeteilt, wie viel Unterstützung ich im Mutterschutz wirklich bekommen würde. Und vielleicht war das auch gut so. Sonst hätte mein Glaube an die Menschheit schon damals eine ordentliche Delle davongetragen.
Für alle, die’s noch nicht wussten: Die Krankenkasse zahlt Selbstständigen im Mutterschutz maximal 13 Euro am Tag. Ja, das ist genau die Summe, die auch Arbeitnehmerinnen von der Krankenkasse bekommen. Aber bei denen kommt erstens das restliche Gehalt weiterhin vom Arbeitgeber – und zweitens müssen sie davon nicht ein komplettes Unternehmen am Laufen halten. An mancher Selbstständigen hängen ja noch mehr Gehälter: Da gibt’s Azubis, Gesellen, Mitarbeiter! Ganz davon abgesehen, dass es die 13 Euro nur für die gibt, die voll berufstätig sein können. Wenn es wie in meinem Fall so läuft, dass aus gesundheitlichen Gründen nur Teilzeit geht, sinkt diese Summe.
Ich bekomme beispielsweise – Trommelwirbel – stattliche 3,36 Euro vor und 4,40 Euro nach der Geburt. Aber nicht etwa pro Tag, nein: Insgesamt! Das sind 3,36 Euro für sechs Wochen. Acht Cent am Tag.
Krass, oder?
Zum Glück habe ich eine Familie, die mich unterstützt. Sonst wäre das nämlich ein bisschen … optimistisch kalkuliert für eine alleinerziehende Selbstständige, die schon in der Corona-Krise einen Großteil ihrer Ersparnisse aufbrauchen musste, um durch die Lockdowns zu kommen.
Bei Angestellten sagen wir: Mutterschaft darf nicht existenzbedrohlich sein. Deshalb zahlt der Arbeitgeber im Mutterschutz das Gehalt weiter und die Krankenkasse unterstützt ihn dabei. Aber was, wenn eben nicht die Angestellte, sondern die Chefin schwanger wird? Da denken wir an große Betriebe mit riesigen Gewinnen, bei denen es nicht schwer ist, mal eben drei, vier Monate alles aus der Portokasse zu finanzieren: Die Miete, die Versicherungen, die Gehälter der Angestellten und der Lebensunterhalt der Chefin – das Polster muss eben da sein.
Aber haben wir mal drüber nachgedacht, ob das für alle machbar ist? Was ist mit den Frauen, die sich mit eigenen Händen etwas aufgebaut haben, mit Handwerkerinnen, Händlerinnen und Dienstleisterinnen, die beruflich entweder komplett Solo fliegen oder die Verantwortung für eine kleine Zahl von Angestellten tragen – was ist mit denen? Wollen wir wirklich, dass die im Fall einer Schwangerschaft ihre Läden schließen? Dass sie ihre Teams vor die Tür setzen, weil sie sonst einen großen Teil ihrer Altersvorsorge aufbrauchen müssen, um alle über Wasser zu halten?
Ich stand kurz nach Weihnachten, drei Wochen nach der Geburt meiner Tochter, schon wieder im Fotostudio. Nicht, weil ich gesundheitlich schon auf der Höhe gewesen wäre, sondern weil meine Mitarbeiterin krank war – und wenn der Laden nicht läuft, kann ich mit den vier Euro von der
Krankenkasse weder die Miete zahlen noch das Gehalt meiner Angestellten. Einfach eine Vertretung einstellen? Theoretisch prima, hat aber in der Praxis den Haken, dass ich dann nicht zwei, sondern drei Gehälter erwirtschaften muss. Also musste ich selbst wieder ran. Viel zu früh – Augen zu und durch. Hätte ich nicht eine tolle Familie im Rücken, die meine Kleine währenddessen betreut hat, wäre das unmöglich gewesen.
Mit Problemen wie diesen bin ich als Selbstständige und frischgebackene Mutter nicht allein. Ganz und gar nicht. Just im Moment läuft sogar eine Petition, die ich für sehr wichtig halte: Tischlermeisterin Johanna Röh hat sie ins Leben gerufen, weil sie – genau wie viele Handwerkerinnen in ganz Deutschland – als Angestellte während ihrer Schwangerschaft eigentlich Berufsverbot hätte. Zu gefährlich für Mutter und Kind, würde es da heißen. Nur ist sie eben nicht angestellt, sondern selbstständig. Und die allermeisten Selbstständigen können sich mehr als neun Monate Ausfall nicht leisten.
FĂĽr kleine von Frauen gefĂĽhrte Betriebe ist Mutterschutz existenzbedrohlich.
Der Schutz fĂĽr Mutter und Kind, den Angestellte in derselben Situation haben, gilt fĂĽr sie nicht.
Und ich glaube, das können wir als Gesellschaft besser lösen.
An dieser Stelle kommt gern der Hinweis, dass ich mir meinen Beruf selbst ausgewählt habe und ja auch einfach Angestellte sein könnte, anstatt nach dem Staat zu rufen. Da muss ich dann fragen: Soll das wirklich unser Ratschlag an alle Frauen sein? Dass sie entweder Mütter oder Selbstständige sein können? Dass nur Männer sich eigene Unternehmen aufbauen können, weil Mutterschutz für Chefinnen eben nicht drin ist, und dass Krankenversicherungen nicht dafür zuständig sind, dass gesunde Mütter gesunde Kinder zur Welt bringen können? Im Ernst?
Ich jedenfalls wünsche mir für meine Tochter eine Welt, in der das kein Problem ist – eine Welt, in der Mutterschutz keine Existenzen bedroht, weder für Angestellte noch für Selbstständige.
Wenn ihr das auch so seht: Unterzeichnet die Petition. Teilt eure eigenen Geschichten. Hört den Betroffenen zu und teilt den Hashtag #meinewerkstattbleibt.
Lasst uns laut werden.
Und lasst uns etwas ändern.
Jede Stimme zählt.
P.S.: In der Debatte um Mutterschutz für Selbstständige fällt gern der Hinweis, dass wir unseren Beruf ja selbst gewählt haben und ja auch einfach Angestellte werden könnten, anstatt nach dem Staat zu rufen. Aber … mal ganz im Ernst, Leute: Soll das wirklich unser Ratschlag an alle Frauen sein? Dass sie entweder Mütter oder Selbstständige sein können? Dass nur Männer Unternehmen aufbauen können, weil Mutterschutz für Chefinnen eben nicht drin ist, und dass Krankenversicherungen nicht dafür zuständig sind, dass gesunde Mütter gesunde Kinder zur Welt bringen können? Das ist nicht wirklich die Zukunft, die wir unseren Töchtern und Enkelinnen zumuten wollen, oder?

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